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Francesca Melandri: Über Meereshöhe

Das schreibt der Verlag:
Im Jahr 1979 begegnen sich zwei Menschen auf einer italienischen Gefängnisinsel: Luisa, eine Bergbäuerin, die ihre fünf Kinder allein großzieht, weil ihr Mann seinen Jähzorn nicht unter Kontrolle hatte, und Paolo, ein ehemaliger Lehrer, der nach wie vor nicht versteht, wie sein einziger Sohn zum Terroristen werden konnte. Beide sind gekommen, um ihre Angehörigen zu besuchen. Luisa hat ihrem Mann Ravioli mitgebracht. Paolo hofft darauf, wieder eine Beziehung zu seinem Sohn herzustellen. Doch das Wiedersehen verläuft für beide enttäuschend und demütigend. Ein aufkommender Sturm zwingt sie, auf der Insel zu bleiben, und so begonnen sie zu sprechen… Francesca Melandri erzählt mit großer Sensibilität und poetischer Kraft vom bewegenden Schicksal zweier Familien.

Das sagt Helene Paulig, Stammkundin der Guten Seite:
Francesca Melandri erzählt vom bewegenden Schicksal zweier Familien, aber nicht nur. Sie schreibt auch von einer aufgewühlten Gesellschaft in Italien und Europa in den 70er Jahren; von politischem Mord, von Aufbegehren gegen eine ungleiche Gesellschaft, von individueller und politischer Gewalt. Warum vom Schicksal zweier Familien? Es sind drei, von denen die Autorin erzählt, nicht doziert.

Mit ihrer stillen, feinen, aufmerksamen, phantasiereichen Sprache (Bruno Genzler übersetzte) lässt sie Luisa, Paolo und Nitti, den Justizvollzugsbeamten, entstehen und leben. Durch sie wird die Zeit lebendig.
Sie alle verbindet das Gefängnis mitten im Meer. Immer sind es Gegensätze, die trennen können, aber nicht müssen, die Francesca Melandri beschreibt. Auf dem beschwerlichen Weg auf die Insel empfindet Luisa Glück:

„Und so kam es, dass Luisa dieses Mal beim Aufbruch neben der Anspannung, der Unsicherheit, dem ganzen Gefühlswirrwarr, mit denen sie immer die langen Reisen antrat, die sie zu ihrem Ehemann führten (…) dass sie dieses Mal also etwas verspürte, das sie sich selbst niemals eingestanden hätte: Vorfreude. Denn das Meer hatte sie zuvor noch nie gesehen.“

Paolo hat tausende Erinnerungen an die beglückenden Urlaube mit Sohn und Frau am Meer. Das Meer rund um die Insel, auf dem sein Sohn eingesperrt ist, hasst er.

Nitti Pierfrancesco, der Ehemann und Sohn bewacht, hat auf der Insel sein berufliches Leben verbracht und lebt zufrieden mit der Schönheit der Natur, den Stürmen des Maestrale und seiner Familie.

Diese Gegensätze erzeugen Spannung; das Buch mag man nicht weglegen. Jede der drei Personen kennt Liebe und Gewalt und geht unterschiedlich damit um. Luisa hat ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihr Ehemann sie und ihre Kinder misshandelt. Nicht deswegen muss er ins Gefängnis, sondern weil er andere Menschen mit seinen bloßen Händen getötet hatte. Sie bewältigt tapfer ihren Alltag mit ihren Kindern.

Paolo will als Lehrer Kinder zu guten Menschen erziehen und erlebt, wie sein Sohn Menschen brutal erschießt. Er zerbricht an der Erfahrung, dass die Revolution der Roten Brigaden auch bedeutet, dass sein kleiner Junge es richtig findet, aus politischen Gründen zu morden. Paolo gibt seinen Beruf auf und leidet.

Und Nitti? Er kann es seiner Frau nicht sagen, was sie von ihm wissen will. Sie selbst hat es nicht gewagt, ihn zu fragen, sondern Luisa hat Nitti bei der Verabschiedung gesagt: „Sagen Sie das doch Ihrer Frau. Dass sie keine Angst haben muss.“ Angst vor der Erkenntnis, dass ihr Mann gewalttätig gegenüber Häftlingen ist.

Das alles hätten wir nie von Luisa, Paolo und Nitti erfahren, wenn nicht der Maestrale Meer und Luft aufgewühlt und die drei in einer Nacht zueinander gebracht hätte. Francesca Melandri erzählt von der wunderbar aufrichtigen Suche nach Menschlichkeit und liebevoller Beziehung. Die Ruhe und Souveränität, mit der sie die Worte findet, macht diesen kleinen Band so aufregend. Man geht nicht unter, erhält Hoffnung, bleibt über Meereshöhe.

Francesca Melandri: Über Meereshöhe
Roman, 208 Seiten, erschien im 2019 im Verlag Klaus Wagenbach
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Originaltitel: Più alto del mare. Rizzoli, Mailand 2012.
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