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Malu Halasa: Mutter aller Schweine

Das sagt der Verlag:
Mutter aller Schweine ist das Buch, auf das viele westliche Leserinnen und Leser gewartet haben: ein Roman über den heutigen Alltag im Nahen Osten, erzählt aus dem Innern einer Familie – unverhüllt und kritisch, mit schwarzem Humor und einem tiefen Verständnis für die Herausforderungen der Region.

Der christlich-jordanische Armeeoffizier Hussein Sabas versucht nach der Pensionierung sein Glück als einziger Schweinemetzger der Levante und verkauft alle Arten von Koteletts, Würsten und Schinken – sehr zum Leidwesen seiner rechtgläubigen muslimischen Nachbarn. Hussein lebt in einem von Frauen dominierten Haushalt in einem Vorort der jordanischen Hauptstadt Amman. Da ist seine konservative Schwiegermutter Fadhma, die über die Familie und ihre Geheimnisse wacht; seine enttäuschte Frau Laila, die sich bemüht, nicht in Bitterkeit zu versinken; seine junge Schwester Samira, die sich insgeheim einer Gruppe syrischer Aktivistinnen anschließt; und seine Nichte Muna. Diese ist zum ersten Mal aus den USA zu Besuch, bringt mit ihrem westlichen Blick gewohnte Sichtweisen durcheinander und freundet sich rasch mit Samira an.

Husseins versteckte Schweinefarm, die Ankunft eines mysteriösen jungen Soldaten, der einst unter ihm diente, und Samiras politisches Engagement erschüttern das empfindliche Gleichgewicht des Haushalts und zwingen den Sabas-Clan zu einer dramatischen Entscheidung. Malu Halasa erzählt aus wechselnden Perspektiven die Geschichte dreier Generationen von Frauen und verwebt virtuos die ungleichen Wege, die sie sich entlang der engen kulturellen Grenzen und angespannten politischen Realitäten des Nahen Ostens bahnen. Religion und Politik, Flucht und Exil, Sinn und Irrsinn prägen diesen Roman, der – wie der Nahe Osten – vom Gewicht der Geschichte und der Erinnerung durchdrungen ist.

 

Das sagt Die gute Seite:
Die Autorin Malu Halasa erzählt sehr eindrücklich in diesem 6-min-Video davon, dass sie schon lange als Sachbuchautorin (s. u.a. Syria Speaks und Secret Life of Syrian Lingerie sowie Transit Teheran) über den Nahen Osten schreibe, mit diesem Roman nun den dominierenden Themen Krieg, Unruhen, Diktaturen jedoch etwas entgegensetzt und gerade an der Peripherie der Gewalt schreibe.

Was ist die Peripherie der Gewalt?

Ich habe diese Neuerscheinung ganz explizit gelesen, um etwas über den Nahen Osten zu lesen, da ich das nicht sehr oft tue. Es war eine “Corona”-Lektüre, die  mir sehr gut gefallen hat. Was kann die Autorin meinen, wenn sie davon spricht, an der Peripherie der Gewalt zu schreiben? Natürlich ist die komplexe politische Situation der Region präsent, aber eben nicht als konfliktives Zentrum.

Zu wenig Drama?

Während Rezensent Marcus Kufner bspw. moniert, dass er* sich dramaturgisch “[a]us der Konfliktsituation zwischen Tradition und Moderne, zwischen Freiheitsdrang und islamistischen Eingrenzungen […] schärfer gezeichnete Konturen erwartet [hatte]”, sehe ich gerade die Stärke des Romans darin, dass es zuweilen vermeintlich plätschert. Gerade diese Beiläufigkeit der Handlungen hat mir eine sehr stimmungsvolle Lektüre eröffnet, da mir die geschilderten Umstände und Alltagsszenen mithin nicht so vertraut waren und mein Lesetempo daher auch unter dem eines Francesca-Melandri-Romans, eines Lisa-Sandlin-Krimis oder einer südkoreanischen Serienmörder-Erzählung lag.

Aber eben nicht, weil der Text sperrig oder hyperliterarisch wäre – eher bodenständig statt poetisch. Und damit passt der Erzählton sehr gut zum Erzählten in 27 Kapiteln. Den sehr unaufgeregten Wechsel zwischen Präsenz-Verwendung für die Gegenwartsbeschreibung der Figuren und unprätentiösem Imperfekt für persönliche Rückblicke, die erinnernd-monologisch, aber nie schwafelnd daherkommen, setzt Halasa gekonnt ein.

Authentische Mehrgenerationen-Geschichte einer christlichen Familie in muslimisch erstarkendem Umfeld, in der die Frauen* resignieren und sich aufraffen (Fadhma), hadern (Leila), entdecken (Muna), aber auch aufbrechen (Samira). Und auch die Männer* passen sich an (Satar Ibn Satar), reizen die Gegebenheiten aus (Abu Satar), nutzen die Gelegenheiten (Khaled), improvisieren und überraschen (Hussein).

Aus dem vorgenannten Video und selbstredend aus dem Buch selbst, spricht liest sich ab, dass es für die Autorin um etwas sehr Persönliches geht. Für den jordanischen Schweinezüchter Hussein stand ein Onkel der Autorin Pate. Sie stellt dem Buch zudem einen Stammbaum voran, der für das Verständnis des Textes jedoch nicht zwangsläufig relevant ist und auf keinen Fall von der Lektüre abhalten sollte! 😉

Friederike Hartwig

Malu Halasa: Mutter aller Schweine
Gebunden, 348 Seiten, €24.
Erschien im März 2020 im Verlag Elster & Salis.
Originaltitel: Mother of all Pigs. Unnamed Press, 2017.
Aus dem Englischen von Sabine Wolf.
Zum Buch in unserem Webshop: hier auf deutsch, hier auf englisch.

…Wer weiter “in der Region” lesen möchte, greife zum Beispiel zu Khaled Khalifas Keine Messer in den Küchen dieser Stadt, das im April 2020 bei Rowohlt erschien und im Syrien der 80er Jahre bis heute spielt. Der Autor lebt noch immer in Damaskus.