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Marie Vieux-Chauvet: Haitis Töchter

Das schreibt der Verlag:
Port-au-Prince, Haiti, Anfang der 1940er Jahre. Die junge Lotus gehört der herrschenden «mulattischen» Gesellschaftsschicht an. Doch als Tochter einer Prostituierten ist sie stigmatisiert und hat für Männer nur Verachtung übrig. «Weil sie meine Mutter gestohlen haben, sind sie meine schlimmsten Feinde.» Sie führt ein Leben in Langeweile und zerstreut sich mit oberflächlichen Männerbekanntschaften. Unter ihnen ist nur einer, zu dem sie sich wirklich hingezogen fühlt: Georges Caprou, einer der Führer der Opposition gegen das herrschende Regime. Er öffnet Lotus die Augen für das Elend der Menschen in Haiti. Also gibt sie ihr ausschweifendes Leben auf, um den Ärmsten in ihrem Viertel zu helfen. Dabei wird sie von ihrem Nachbarn, dem alten Charles, unterstützt. Lotus und Caprou führen eine Beziehung mit Wechselbädern, die durch den revolutionären Kampf, dem sich Lotus angeschlossen hat, zusammengeschweißt wird. Die von ihnen entfachten Unruhen führen zum Sturz der Regierung. Doch auf die Begeisterung folgt die Ernüchterung: Sie haben die Büchse der Pandora geöffnet. Denn sobald sie von ihren Unterdrückern befreit sind, kehren die Menschen im Land zu ihren alten Dämonen zurück, der Rivalität zwischen Schwarzen und «Mulatten». Von der Polizei gejagt, verstecken sich Lotus und Caprou in den Bergen, wo sich die Ereignisse weiter zuspitzen …

Das sagt Die gute Seite:

Im gesamten Jahr 2022 hat jder Manesse-Verlag in der Reihe MEHR KLASSIKERINNEN ausschließlich Autorinnen verlegt. Haitis Töchter ist in meinen Augen ein fantastisches Beispiel dafür, wie es gelingen kann, historisch verortete Texte zugänglich(er) zu machen. Die erzählte Geschichte kommt zunächst vermeintlich nicht sehr komplex daher und erschließt sich für Leser:innen der vornehmlich europäischen und anglo-amerikanischen Literatur nicht auf Anhieb.

Doch Dank der Anmerkungen, des Glossars und des Nachworts eröffnet sich Stück für Stück eine Welt in einer Zeit, die nun wieder in den Fokus rückt. Denn Haiti ist heute eines der ärmsten Länder der Welt, war jedoch als französische Kolonie St. Domingue aus Sicht der Eroberer besonders wertvoll, weil reich an Rohstoffen, die ausgebeutet und nach Europa verschifft wurden. 1804 wurde das Land als erstes in der Karibik von den Kolonialmächten unabhängig. Die Schwarze Republik war umstritten, strahlte politisch aus und sorgte für Aufregung – im Zuge der Veränderungen von 1776 in den USA, aber natürlich auch in Frankreich und dem übrigen Europa.

Im Zuge von anti- und dekolonialen Diskursen rücken “vergessene” historische Entwicklungen und widerständige Praxen neu oder auch wieder in den Blick. Nicht umsonst hat b_books 2021 den Klassiker Die Schwarzen Jakobiner von C.L.R. James nunmehr im Deutschen vorgelegt. Germanist:innen ist vielleicht mal Heinricht von Kleists Die Verlobung von St. Domingo untergekommen. Philosoph:innen landen bestimmt bei Hegel und Haiti. Négritude-Mitbegründer Aimé Césaires Theaterstücke wie La tragédie du roi Christophe oder seine nie gehaltene Rede Über den Kolonialismus tauchen hin und wieder auf. Für September 2023 ist bei Suhrkamp von Jeannette Ehrmann angekündigt: Tropen der Freiheit. Die Haitianische Revolution und die Dekolonisierung des Politischen. Es bleibt spannend, ob sich aus der theoretischen Abarbeitung an diesem besonderen Sturz der Verhältnisse irgendwann auch politische Folgen ableiten lassen werden.

Marie Vieux-Chauvet nun siedelt ihren Roman in den 1940er Jahren an, der aus der Perspektive der jungen Lotus die gesellschaftlichen Verhältnisse durchlebt. Die selbst exilierte Autorin gibt 150 Jahre nach der Haitianischen Revolution mit ihrem Roman so einen möglichen Blick auf die haitianische Gesellschaft frei, in der die Verknüpfung von Klasse, race und Bezug zur ehemaligen Kolonialmacht sich sprachlich wie politisch manifestiert. Die großartige Edition ermöglicht, begleitet und offenbart.

Es ist kein Revolutionsbuch, kein rauschender Roman. Der Titel in dieser Ausgabe zeigt, was Literatur kann, wofür sie da ist und gebraucht wird. Trotzdem und gerade: mehr davon!

Friederike Hartwig

Marie Vieux-Chauvet: Haitis Töchter
Erschien am 28. September 2022 im Manesse Verlag/ PenguinRandomhouse.
Gebunden, 288 Seiten, Originaltitel: Fille d’Haiti.
Aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Lemmens,
Mit Nachwort von Kaiama L. Glover.
In unserem Webshop: €28, ebook €14,99.