Das schreibt der Verlag:
“Wir sind Magd, Köchin, Frau, Mutter, Tochter, Schwester. Wir können alles gleichzeitig, umkreisen uns selbst und alle anderen, bis uns schwindelig wird. Wir leben im Sand, auf zerriebener Zeit, auf Wegen ohne Spuren. Wir sind Schwestern und wir sind Töchter und wir sind nicht blutsverwandt. Wir sind auf Sand gewachsen. Unter Birken, Kiefern und Trauerweiden. Wir sind im Sand verwurzelt. Unsere Verwandtschaft liegt im Sand.”
Eine Familie, zwei Jahrhunderte, drei Frauen – ihre Geschichten sind miteinander verwoben wie die Seidenfäden der Spinnen am Ende eines langen Sommers. Die Großmutter, Marianna, wächst am Ende des Zweiten Weltkriegs auf und führt das Leben einer einfachen Bäuerin.
Ihre Tochter Róza wäre im vom Sozialismus geprägten Dorf ihrer Mutter geblieben, wäre da nicht Szymek mit den feinen Händen. Wären da nicht die Stadt Gdansk und Schuhe, die auf Asphalt klackern. Wäre da nicht die Solidarnosc-Revolution. Und wäre da nicht irgendwann ein Kind, dem Róza ein Zimmer für sich allein wünscht.
Róza verlässt Polen Ende der 1980er Jahre und ihre Tochter Waleria wächst im Westen des wiedervereinigten Deutschlands auf. Sie verlernt ihre Muttersprache und die Welt ihrer Babcia Marianna, einst ihr Zuhause, rückt in immer weitere Ferne. Doch als die erwachsene Waleria erfährt, dass sie keine Kinder bekommen kann, stellen sich ihr unerwartete Fragen: Was bedeutet es, die Letzte zu sein? Was schuldet Waleria den Frauen in ihrer Familie? Und welche Geschichten gehen mit ihr zu Ende?
Mit poetischer Klarheit und erzählerischer Raffinesse verknüpft Oliwia Hälterlein Alltag und Erinnerung, Körper und Sprache, Herkunft und Zukunft – und beschreibt das unsichtbare Band, das die Frauen einer Familie verbindet.
Das sagt Die gute Seite:
Während Emilia Smechowskis Debüt “Wir Strebermigranten” von 2017 auf das Ankommen in Deutschland aus Polen Ende der 1980er Jahre fokussiert, greift Oliwia Hälterlein in ihrem Romanerstling diesen Zeitabschnitt ebenso auf, fasst aber noch weiter, indem sie zwei Generationen davor mit in den Blick nimmt. Die Frauenfiguren leuchtet die Autorin unterschiedlich stark aus; wunderbar ist jedoch, dass wir jede der Frauen auch in ihrer Kindheit erzählt bekommen. Es ist berührend zu lesen, wie die Großmutterbindung für Jede eine besondere ist, was nicht über die Tochter-Mutter-Beziehung zu übertragen ist. Hälterlein montiert klug die Erzählzeiten ineinander und schafft so Verbindungs- wie Trennungslinien ohne künstliche Bruchkanten.
Die überzeugende Rahmenerzählung über eine durchlebte Operation schafft eine zusätzliche Ebene von Körperverbindung zwischen Großmutter, Mutter & Tochter, stellt die Frage nach Relevanz von genetischem Erbe gegenüber kulturellen Übergaben.
Die Zwischensequenzen erinneren an Julie Otsukas chorisch verfasstes “The Buddha in The Attic” (über die Kollektiverfahrung japanischer Migrantinnen) und fordern eine Theaterfassung von Oliwia Hälterleins Romans regelrecht ein. Schön wär’s! Bevor es dann hoffentlich auch mehr zu lesen geben wird von der Autorin.
fh
Oliwia Hälterlein: Wir Töchter
Erschien im Februar 2026 im C.H. Beck Verlag,
gebunden, 357 Seiten.
In unserem Webshop: €25,-/ ebook €21,99
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