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Ronya Othmann: Vierundsiebzig & Die Sommer

Eine Geschichte, so heißt es zu Beginn des Debütromans „Die Sommer“ von Ronya Othmann, erzählt man immer vom Ende her. Ein Ende der Nachgeschichte dieses besonderen Romans spielt in Klagenfurt.  Dort gewann die Autorin 2019 den Publikumspreis des 43. Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerbs.

Vierundsiebzig

Der Text, mit dem sie angetreten war, trägt den Titel „Vierundsiebzig“. Sie erzählt im Stil einer miterlebten Reportage von dem Genozid an den Ezid*innen in der nordirakischen Stadt Sindschar und im nahen Shingal-Gebirge durch den Islamischen Staat im August 2014. Die Pogrome und Genozide werden von der ezidischen Gemeinschaft als “Farman” bezeichnet und seit den Verfolgungen im Osmanischen Reich durchnummeriert. Die Zahl 74 bezieht sich auf diese Zählung.

Fast mehr als Othmanns Erfolg machte die Irritation von sich reden, die der prämierte Text auslöste. Teile der Jury weigerten sich, einen offenkundig autobiographisch daherkommenden Text über die Wirklichkeit unermesslichen Leids unter literaturkritischen Gesichtspunkten zu verhandeln. Es entbrannte eine kontroverse Diskussion über die Grenzen von Fiktionalität und Literaturkritik.

Der kurze Prosatext “Vierundsiebzig” berührt in seiner Eindringlichkeit und schockiert durch die explizite Versprachlichung von Gewalt der grausamsten Art. Er falle „wie ein Stein in einen hinein“ – so formulierte es Insa Wilke, die Othmann für den Wettbewerb vorgeschlagen hatte. Wer die Preisverleihung verfolgt hat, wird gespannt auf Othmanns Roman gewartet haben.

Die Sommer

Und mag irritiert sein, wenn sie*er den Roman „Die Sommer“ dann in den Händen hält. Trägt der Klagenfurt-Text die genozidale Katastrophe bereits im Titel, weckt „Die Sommer“ – wenn überhaupt irgendwelche – so tendenziell positive Assoziationen. Auf den ersten Blick scheint nichts an dem in auffälligen und harmonisierenden Violetttönen gehaltenen Buchcover von der Thematik zu künden.

Das Coverbild zeigt eine unscharfe Gebirgskette am Horizont, im Vordergrund eine ebenfalls unscharfe Hecke. Das Impressum verrät, dass das Foto von Ronya Othmann höchstpersönlich stammt. Gleich zu Beginn des Romans wird darauf Bezug genommen und gleichsam sein Ende angedeutet: “Hätte Leyla nicht gewusst, was sich an dieser Grenze abgespielt hatte, vielleicht hätte sie die Berge schön gefunden”. Hier ist sie, die Katastrophe, das Farman. Die Berge sind diejenigen auf der Fotografie des Buchcovers – das Shingalgebirge, das die Grenze zwischen Syrien und dem Irak markiert. Leyla ist die Protagonistin des Romans. Erzählen vom Ende her ist sein Strukturprinzip.

Die Geschichte

Leyla ist eine junge Ezidin, die mit einer deutschen Mutter und einem kurdisch-ezidischen Vater, der aus Syrien stammt, in der Nähe von München aufwächst. Ihre Biographie gleicht derjenigen Othmanns. Ebenso wie diese verbringt die Protagonistin die Sommer ihrer Kindheit im syrischen Teil Kurdistans, der Region, die man heute Rojava nennt. Die Aufenthalte sind von einer Ruhe und Ereignislosigkeit geprägt, wie sie das dörfliche Leben mit sich bringt. Aber über allem thront das Unheil, das bereits zu Beginn des Romans angedeutet wird.

“Alles bedeutete etwas,” dieser Satz drückt Leylas Begegnung mit der ezidischen Welt ihrer Verwandtschaft väterlicherseits aus. “Saßen sie beim Mittagessen oder bewässerten am späten Nachmittag den Garten, stellte sich Leyla vor, bald träte eine Katastrophe ein”, heißt es an einer Stelle. An einer anderen: “Hätte ich damals schon gewusst, was noch kommt, dachte Leyla, ich hätte eine Kamera mitgenommen.” Und wenig später: “Wie sie damals […] nicht ahnten, niemals zu ahnen gewagt hätten, was danach kam.”

Das Unheil kündigt sich an. Die Katastrophe, die im Sommer 2014 zum 74. Mal geschieht – der islamistische Genozid an den Ezid*innen – ist von Anfang an spürbar. Immer wieder brechen Gefahr und Gewalt in den Text. Sie schweben über den Spielen der Kinder, deuten sich an in den Mahnungen des Vaters und manifestieren sich in eingeschobenen Geschichten von vergangenen Verfolgungen und Gräueltaten – wie etwa der des Urgroßvaters, der Anfang des 20. Jahrhunderts ermordet wurde, weil er sich nicht zum Islam bekennen wollte.

Mit den Aufständen und Unruhen in der Region im Jahr 2011, die zum Bürgerkrieg führen, enden Leylas Ferienreisen zu ihrer kurdischen Familie. Fortan spielt das Geschehen in Deutschland. Leyla macht ihren Schulabschluss, beginnt ein Studium in Leipzig, geht auf Parties und verliebt sich, während die Lage in Syrien eskaliert – und die Katastrophe immer näher kommt.

Ronya Othmanns Roman erzählt von einer Kindheit zwischen zwei Welten, von der besonderen Situation der Ezid*innen, die als kurdische Minderheit gleich doppelt verfolgt werden. Er erzählt von Rassismus, Islamismus und Antisemitismus, von der Flucht nach Deutschland und der Schwierigkeit, hier anzukommen. Von dem Versuch, erwachsen zu werden, in einer Welt, die scheinbar keinen Platz für eine*n hat. Dabei erfährt man auch ein wenig über die Inhalte des ezidischen Glaubens, der vor dem Genozid im August 2014 für viele kein Begriff gewesen ist – und über den bis heute in der deutschen Gesellschaft wenig Wissen vorhanden ist. Für Leyla ist der 3. August 2014 der Tag, an dem “die Zeit einen Bruch bekommen hatte”. Leyla – oder Ronya? – drückt damit die ezidische Perspektive aus. “Ein ezidisches Leben”, heißt es im Buch, “ist eines, das jeden Moment zu Ende sein kann.”

Das Bruchstückhafte als Form

Es ist nicht allein die Geschichte, die dieses Buch so lesenswert macht. Es ist auch die Form, in der sie erzählt wird. Der Roman verzichtet auf Kapitel. Er gliedert sich lediglich in zwei ungleich lange Teile, die schlicht nummeriert sind. Die setzen sich aus einer Vielzahl von Abschnitten zusammen, die oft weniger als eine Seite lang sind und durch einen Absatz getrennt werden. So ergibt sich eine Sammlung von Textstücken, die mal über die Absätze hinweg eine Geschichte erzählen, dann in eher assoziativem Zusammenhang zueinander stehen oder ganz neu einsetzen, sodass der Absatz einen Bruch markiert. Durch diese Erzählweise erzeugt Othmann gekonnt Spannung und Tempo. Dies verhilft der Geschichte zum Ausdruck, in deren Zentrum die Spannung zwischen zwei Welten steht. Während die eine – die kurdisch-ezidische – bis zum Ende fremd bleibt, präsentiert sich die andere – die deutsche – betont vertraut.

Der Roman konfrontiert die Leser*in im ersten Teil mit dieser völlig anderen Gemeinschaft, mit einer uralten, gänzlich unbekannten Religion und rätselhaften Ritualen. Dabei wird man keineswegs umfassend in diese Welt eingeführt, geschweige denn über sie aufgeklärt. Auf diese Weise hält der Text seine Rezipient*innen auf Distanz. Im vollendeten Kontrast dazu wartet die Darstellung, die vom Aufwachsen in Deutschland geboten wird, mit Stereotypen auf, die eine Identifikation geradezu aufzwingen. Das Zurechtkommen mit dem eigenen Körper, der erwachsen wird, die ersten Alkoholabstürze, Klauen im Kaufhaus, der Vater, der an den Schulleistungen herumkrittelt, der Typ in der Clique, der immer am PC sitzt und zockt und der immer was zu kiffen da hat. Später die ersten Vorlesungen an der Uni, durchgemachte Nächte in Bars und Clubs, die erste große Liebe. Für jede*n was dabei. Die wohlvertrauten Namen ost-, west- und süddeutscher Städte stehen den Namen ezidischer Dörfer mit fremdartigem Klang gegenüber, die kaum im Gedächtnis zu behalten sind und sich überdies verändern – je nachdem, wie schwer der kurdischen Gemeinschaft in Syrien das Leben gerade gemacht wird und ob ihre Orte kurdische Namen tragen dürfen oder arabisch heißen müssen.

Gleichzeitig scheint Leyla in keiner ihrer Welten ganz dazu zu gehören. Als Ezidin gilt nur, wessen Elternteile beide ezidisch sind. Ihr Kurdisch verlernt sie von Jahr zu Jahr wieder. In Deutschland wiederum lässt sie sich keiner beruhigenden Kategorie zuordnen: mit blauen Augen, schwarzen Haaren und Wurzeln in einem Land, das auf keiner Karte zu finden ist. “Alles an Leyla irritierte immer alle,” heißt es im Roman. Insbesondere im zweiten Teil treten ihre Welten als unüberbrückbare auf. Leyla kann nicht mehr nach Kurdistan reisen und beginnt ihr Studium. Die schöne Welt des Studentinnenlebens kracht auf das Leben ihrer Verwandten inmitten des syrischen Bürgerkriegs – bis die beiden, so viel sei verraten, am Ende zueinander finden. Versöhnt oder nicht? Die Leser*innen mögen ihr eigenes Urteil fällen.

Es zeichnet den Romans aus, dass diese Erzählweise von Othmann nicht nur reflektiert, sondern auch mit der Geschichte selbst verwoben wird. Leyla erinnert sich an die Sommer in Kindheitstagen. Aber ihre Erinnerungen sind trügerisch, manchmal bruchstückhaft oder ungeordnet. Leyla kann sie meist keinem konkreten Jahr zuordnen. Dieses Bruchstückhafte spiegelt sich in der Form des Buchs.

Im Verlauf der Geschichte werden die Brüche immer härter. Das Tempo der Erzählung erhöht sich. Die Absätze folgen abrupter aufeinander, bis die zwei Welten dann in einem Absatz aufeinanderprallen. Das Lesen wird zum Taumeln zwischen Nähe und Distanz, zwischen Identifikation und Fassungslosigkeit. Man gerät erst nach und nach, dann aber unausweichlich in den Sog dieser Geschichte mit ihrem katastrophalen Höhepunkt.

Autofiktion

Beim Zuklappen dann füllt sich die Covergestaltung mit Bedeutung. Nicht nur die abgebildeten Berge, vor allem auch die Dissonanz zwischen der Farbgebung und diesem unheilvollen Ort stehen in Übereinstimmung mit der Zerrissenheit des Erzählten und des Erzählens. “Alles bedeutet etwas.” Am Ende der Lektüre hat der Anfang des Buchs – das Coverbild – seine Unbestimmtheit und dadurch an Unschuld verloren. Hätte man gewusst – so könnte man mit dem Anfang des Romans sagen – was sich in diesen Bergen abgespielt hat, man hätte das Cover von vornherein anders gesehen.

Schlussendlich erhält auch die im Vordergrund abgebildete Hecke ihren Sinn – sie symbolisiert das Geschehen nach dem im Roman dargestellten, das an seinem Schluss – wie auch hier – nur angedeutet wird. Hier zeigt sich, wie gekonnt das Buch als Gesamtkunstwerk konzipiert ist: die Erzählung endet, bevor die Handlung zu Ende ist. Herauskatapultiert aus dem Erzählkontext klappt man das Buch zu und findet sich in der Situation wieder, mit der es danach weitergeht.

Dass das Covermotiv von der Autorin selbst aufgenommen und gestaltet wurde, verweist auf den autofiktionalen Charakter des Romans. In einem Interview äußerte sich Othmann dazu: “Leyla könnte ich sein.” Die Nähe der Autorin zu ihrer Figur ist so frappant, dass man sich vorstellen kann, wie in einem Paralleluniversum Leyla über Ronya schreibt. Es ist das Spiel mit der Grenze zwischen Fiktion und Autobiographie, aus der dieser Debütroman seine Spannung bezieht und die das Buch so gut macht. Herauskatapultiert aus dem Schreibprozess hat die Autorin ihrerseits die Region um das Shingalgebirge wieder bereist. Heraus kam “Vierundsiebzig” – ein Text, der diese Grenze neu und anders zieht. Beide Texte entwerfen ein fiktives Ich; das ist ihre Verarbeitungsstrategie. Ronya Othmann scheint nicht geneigt, ihr Schreiben und damit Leser*innen und Literaturkritiker*innen aus der Klagenfurtschen Irritation zu entlassen.

Der Plot. Die formale Präsentation. Das Cover. Alles an diesem Buch ist kunstvoll zu einer ausdrucksstarken Motivstruktur verflochten, ohne dass es je manieriert wirkt. Wie schon der eigentlich jüngere Text “Vierundsiebzig” markiert “Die Sommer” eine starke Besetzung eines literarisch unbesetzten Themas.

Daniela Henke & Nikolas Lelle

Nikolas Lelle ist geschätzter Stammkunde der Guten Seite und veröffentlichte diese Besprechung zuerst am 23.09.2020 auf: https://www.belltower.news/buchtipp-ronya-othmanns-die-sommer-erzaehlen-vom-ende-her-104601/

Ronya Othmann: Die Sommer.
Roman, 228 Seiten,
erschien im August Hanser Verlag 2020
Gebunden, €22 – zum Webshop