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Tommy Orange: Dort Dort

„Dort gibt es kein Dort.“
Gertrude Stein in „Jedermanns Autobiographie“

„Dene will ihm sagen, dass er das Zitat im ursprünglichen Kontext nachgeschlagen hat, in Jedermanns Autobiographie, und deshalb weiß, was Stein meint: dass das Oakland, das sie kannte, sich so verändert hatte, dass so viel abgerissen und neu gebaut worden war, dass das Dort ihrer Kindheit, das Dort dort, nicht mehr da war, dass es dort kein Dort mehr gab. Dene will ihm sagen, dass genau das auch den amerikanischen Ureinwohnern passiert ist, er will ihm klarmachen, dass sie verschieden sind, dass er Native ist, in Oakland geboren und aufgewachsen, von hier.“

Dene Oxender ist ein junger Dokumentarfilmer, Angehöriger der Cheyenne, der als einer der zwölf Protagonist*innen in Tommy Oranges Roman „Dort Dort“ auftritt. Er sammelt Geschichten von Native Americans aus Oakland und Umgebung und gehört damit zu denen im Roman, die wissen, wo sie hingehören wollen: zum Volk der Ureinwohner Amerikas, die zum größten Teil in den Städten wohnen und wenig Gelegenheit haben, ihre Traditionen zu leben.

Tommy Orange, selbst Cheyenne und Angehöriger des Arahapo-Tribes und in Oakland aufgewachsen, entfaltet vor der Kulisse der Großstadt in Kalifornien ein Kaleidoskop von Männern, Frauen und Kindern, die auf verschiedenste Weise mit ihrem Dasein als Native American umgehen.

Es gibt die junge Blue, die als Kind von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben wurde und bei weißen, begüterten Eltern aufwuchs. Als sie 18 ist, verrät ihre Adoptivmutter ihr, dass sie eine Cheyenne ist und wie ihre Mutter heißt. Sie beginnt im Indian Center als Jugendhilfe-Koordinatorin zu arbeiten, und hat dort das Gefühl „ich würde irgendwo hingehören“. Sie verliebt sich in einen mit traditionellen Zeremonien vertrauten jungen Mann, den sie sehr bald heiratet – bevor sie herausfindet, dass er ein gewalttätiger, zorniger Ehemann ist.

Gewalt spielt eine große Rolle im Roman. Alle zwölf Personen, deren Leben wir ein Stück begleiten, leben in prekären finanziellen Verhältnissen, sind drogen- oder alkoholabhängig oder es gewesen, haben Gewalt am eigenen Leib erlebt oder mussten erleben, wie ein naher Angehöriger umgebracht wurde; fast alle haben Verwandte im Gefängnis sitzen. Ihr Leben ist ein Kampf – ums Überleben, um Liebe, um Anerkennung, um einen Platz in dieser Stadt.

Der 21jährige Tony Loneman, der ein angeborenes fetales Alkoholsyndrom hat, das er selbst „Drom“ nennt, lebt bei seiner Großmutter Maxine und dealt mit Drogen.

„Maxine hat gesagt, ich bin eine Medizinpersönlichkeit. Sie meinte, Leute wie ich sind selten, und wenn es mal einen von uns gibt, sollen wir auch anderes aussehen, weil wir eben anders sind. Man soll uns respektieren. Nicht, das mich irgendwer jemals respektiert hätte, außer Maxine. Sie sagt, wir sind Cheyenne. Dass Indianer schon immer zu diesem Lande gehören. Dass das alles hier mal unseres war. Alles. Scheiße. Anscheinend wussten die damals nicht so recht Bescheid, sonst hätten sie die weißen Männer nicht einfach so kommen und sich von ihnen alles wegnehmen lassen.“

Neben den Erzählungen der Romanfiguren gibt es am Anfang und mittendrin essayartige Einschübe über die Geschichte der Native Americans und die heutige Situation der urbanen Indianer. Dort heißt es: „Wir wurden von allen anderen definiert und werden hinsichtlich unserer Geschichte und unseres aktuellen Zustands als Volk nach wie vor verleumdet, so leicht die Fakten auch im Internet nachzulesen sind. Wir haben die traurige, bezwungene Indianersilhouette vor Augen, die Köpfe, die Tempeltreppen hinunterrollen, Kevin Costner, der uns rettet, John Waynes Revolver, der uns niederstreckt, einen Italiener namens Iron Eyes Cody, der uns in Filmen spielt. … Der Abklatsch eines Abklatsches eines Bildes eines Indianers in einem Schulbuch. Von den obersten Spitzen Kanadas und Alaskas bis hinab zum äußersten Ende Südamerikas wurden Indianer entfernt und auf ein gefiedertes Bild reduziert.“

Doch Tommy Orange bleibt nicht beim Aufzählen der Verbrechen der Weißen stehen. Er zeigt nicht d e n bedauernswerten Indianer, der ausschließlich der Ungerechtigkeit seinem Volk gegenüber ausgeliefert ist. Auch wenn alle Personen in seinem Roman am Rande der Gesellschaft leben, gibt es die einen, die wissen, dass sie zu den Natives gehören und eine reiche und lange Kultur in sich tragen. Und die anderen, die es nicht wissen, denen die Eltern es nicht weitergegeben haben und die vorsichtig einen Zipfel davon entdecken, der sie verändert.

So Tony mit dem „Drom“, der eines Tages eine alte Tracht im Schrank seiner Großmutter findet und sie anzieht: „Ich sah mir ins Gesicht. Das Drom. Ich sah es nicht. Ich sah einen Indianer. Ich sah einen Tänzer.“

Der Roman strebt von Anfang an einem dramatischen Finale entgegen, an dem alle Personen beteiligt sind: es ist ein großes Powwow. Die einen kommen als Tänzer und Trommler, die anderen als Organisator*innen – die einen heimlich und die anderen offen. Und einige kommen in der Absicht, das Powwow zu überfallen und die Preisgelder für den Tanzwettbewerb zu erbeuten.

Es ist ein Sog, in den die Leser*innen hineingezogen werden. Die einzelnen Kapitel werden immer kürzer. Wir können von jedem und jeder der zwölf Personen die Gedanken und Taten verfolgen. Und durch all die Erzählungen davor, können wir auch jede und jeden verstehen – was sie zum dem treibt, was sie tun.

Dene, der Dokumentarfilmer hat auf dem Powwow seine Kamera aufgebaut und einige Leute gebeten, ihre Geschichte zu erzählen. Er sagt ihnen: „Ich will alles zusammenführen, alle unsere Geschichten. Was haben wir denn außer Reservatsgeschichten und den beschissenen Versionen aus den alten Geschichtsbüchern. Viele von uns leben heute in den Städten. Das hier soll einfach so was wie eine Möglichkeit sein, diese andere Geschichte zu erzählen.“

Dene als Alter Ego von Tommy Orange – denn nichts anderes tut er in seinem Roman: Er erzählt die Geschichte seines Volkes weitab von Romantik und Verklärung.

„Dort Dort“ ist ein unbedingt zu empfehlendes Buch, das uns eine häufig übersehene Seite des Amerikas von heute zeigt.

Johanna Ulrich

Tommy Orange: Dort Dort
(Im Original: There There, Juni 2018)
erschien im August 2019 im Hanser Verlag
ins Deutsche übersetzt von Hannes Meyer
eingelesen als Hörbuch von Christian Brückner
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